Folge 20 · Fachartikel zur Folge
Nicht neue Modelle, bessere Schnittstellen: Was 2026 tatsächlich fehlt
Neue Modelle kommen ohnehin. Was fehlt, sind Interaktionsmuster für Wartezeiten, ein Formfaktor jenseits des Bildschirms und Agenten, die sich ihre Abläufe selbst bauen.
Ein Jahresausblick ohne die Ankündigung neuer Modelle, weil die ohnehin kommen. Was folgt, sind drei Wünsche, und alle drei betreffen Schnittstellen statt Fähigkeiten.
Wunsch eins: raus aus dem Bildschirm
Smart Glasses als Formfaktor sind der erste Wunsch, und der Reiz liegt weniger im Gerät als im Kanal. Mit KI multimodal und gesprächsbasiert zu interagieren, dauerhaft verfügbar, unterscheidet sich grundlegend von einem Chat-Fenster. Der Gegenentwurf sind klobige Headsets wie Oculus oder Apple Vision Pro, die den Nutzer aus der Umgebung nehmen statt ihn darin zu lassen.
Wie multimodal Systeme heute schon sind, zeigt NotebookLM, das aus Textquellen spontan ganze Gesprächs-Podcasts erzeugt.
Der zweite Teil dieses Wunsches ist konkreter und richtet sich an Gestalter und Entwickler: KI-Antworten brauchen neue Interaktionsmuster für Wartezeiten, gerade wenn eine Anfrage bewusst länger dauern darf, weil recherchiert oder nachgedacht wird.
Dazu kommt der Wunsch nach kontextbewusstem, dauerhaft aktivem Verhalten, ohne dass daraus eine Datenschutzfalle wird. Das ist die schwierigere Hälfte, weil beides in dieselbe Richtung zieht: Je mehr ein System mitbekommt, desto nützlicher ist es und desto mehr weiß es.
Der EU AI Act als Gestaltungsanlass
Ab Mitte 2026 greifen weitere Pflichten. Unternehmen müssen nachvollziehbar erklären können, wie ihre Agenten handeln.
Die Einordnung in der Folge ist erstaunlich unaufgeregt: keine Bremse, sondern eine Chance für gut gestaltete, vertrauenswürdige Systeme. Das ist mehr als Zweckoptimismus. Eine Nachvollziehbarkeitspflicht zwingt zu Protokollierung und klaren Zuständigkeiten, und beides braucht man ohnehin, sobald ein System produktiv läuft.
Dazu passt der Ausblick auf das Zusammenspiel kleiner lokaler Modelle mit großen Cloud-Modellen. Was lokal läuft, erzeugt keine Übermittlung und damit weniger Erklärungsbedarf.
Wunsch zwei: Robotik ohne Fernsteuerung
Ausgangspunkt ist ein viral gegangenes Video von Tesla Optimus, in dem ein humanoider Roboter während einer Vorführung umfällt. Der eigentliche Hinweis daraus betrifft nicht die Standfestigkeit, sondern die Frage, wie viel bei aktuellen Humanoiden Teleoperation ist statt echter Autonomie.
Das ist der wichtigste Prüfpunkt bei jeder Robotik-Vorführung. Ein ferngesteuerter Roboter zeigt, was Mechanik kann. Ein autonomer zeigt, was das System kann. Die Vorführungen unterscheiden nicht immer deutlich, welche Variante zu sehen ist.
Ebenfalls eingeordnet werden der ferngesteuerte Neo und Anbieter wie Figure AI, dazu Apples früheres Forschungsprojekt einer beweglichen Pixar-Lampe als Gegenentwurf zum humanoiden Hype. Der Gedanke dahinter verdient mehr Aufmerksamkeit: Nicht jede Aufgabe verlangt menschliche Gestalt. Die menschliche Form ist praktisch, weil unsere Umgebung für sie gebaut ist, und ansonsten eine Beschränkung.
Für den deutschen Haushalt erwarten beide 2026 keine humanoiden Roboter, im industriellen Umfeld weitere Fortschritte.
Wunsch drei: keine Workflows mehr bauen
Der persönlichste Wunsch: 2026 keine Abläufe mehr bauen zu müssen, sondern Probleme zu schildern und das System den Rest erledigen zu lassen, einschließlich selbständig orchestrierter Multi-Agenten-Aufbauten.
Daraus folgt die zentrale These der Folge: 2026 wird das Jahr, in dem der Wechsel von „Mensch interagiert mit einer KI“ zu „KI interagiert selbständig mit anderen KIs“ spürbar wird. Ausgelöst durch MCP-Server, standardisierte Schnittstellen und Agenten, die sich bei Bedarf eigene Zugänge bauen.
Der letzte Halbsatz ist der bemerkenswerteste. Ein Agent, der sich eine fehlende Schnittstelle selbst schreibt, umgeht das Henne-Ei-Problem, an dem Integrationsvorhaben bisher scheitern.
Fazit
Der Ausblick verzichtet bewusst auf den Wunsch nach neuen Modellen, und das ist die eigentliche Aussage. Der Engpass liegt seit einiger Zeit nicht mehr bei der Fähigkeit, sondern bei allem drumherum.
Für die eigene Planung ergeben sich daraus zwei Prüfpunkte. Erstens: Bindet Ihre Oberfläche Aufmerksamkeit, während das System arbeitet? Wenn ja, verschenken Sie den Produktivitätsgewinn, den Sie eingekauft haben.
Zweitens: Können Sie erklären, wie Ihre Agenten zu ihren Ergebnissen kommen? Ab Mitte 2026 ist das keine Frage der Qualität mehr, sondern eine Pflicht.
Kein Wunsch nach einem neuen Modell also, sondern nach besseren Schnittstellen zwischen Mensch, Maschine und den vielen Maschinen untereinander.