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Folge 19 · Fachartikel zur Folge

Prompt-Drift und der verschwundene Klick: KI-Bilanz eines Jahres

Welches Werkzeug hat 2025 überlebt, und was war nur der heiße Scheiß von vorletzter Woche? Eine Bilanz entlang der drei Nutzungsarten, die für die meisten Menschen tatsächlich zählen.

Von Mark Zimmermann · 15.12.2025 · 4 Minuten Lesezeit · Read in English

Ein Jahresrückblick ohne Höflichkeit, sortiert nach dem, was Leute wirklich tun: prompten und suchen, Bilder erzeugen, zur Weihnachtszeit auch Musik generieren.

Der unangenehmste Befund betrifft dabei nicht ein Werkzeug, sondern eine Eigenschaft aller Werkzeuge.

Prompt-Drift

Das Modellkarussell aus Mistral, Grok, Claude und OpenAI überholt sich im Wochentakt. Für die tägliche Arbeit ist die Rangfolge dabei weniger relevant als eine Nebenwirkung, die in Produktankündigungen nie vorkommt.

Etablierte Prompts, die mit GPT-4 sauber liefen, produzieren nach dem Sprung über GPT-5 zu 5.1 und 5.2 plötzlich ungefragte Zusatzinformationen oder ganz andere Textbausteine. Die Eingabe ist dieselbe, das Ergebnis nicht.

Der Klick, der ausbleibt

Den größten Umbruch sehen beide bei der klassischen Suche. Seit Gemini direkt im Suchfeld sitzt, sind die Antworten seit Dezember 2025 erstmals wirklich gut, nach holprigen ersten Monaten mit fragwürdigen Quellen.

Für Websitebetreiber ist das eine schlechte Nachricht: Wenn die Antwort direkt geliefert wird, bleibt der Klick auf die Quelle aus. 2026 soll zusätzlich Werbung in diese Ergebnisse einziehen.

Die praktische Konsequenz für alle, die Inhalte veröffentlichen, ist unbequem und eindeutig. Wenn Reichweite über Klicks nicht mehr entsteht, muss sie über etwas anderes entstehen: über Inhalte, die zitiert statt zusammengefasst werden, über eigene Kanäle mit direktem Zugang, oder über Angebote, die eine Antwortmaschine nicht ersetzen kann.

Gleichzeitig zeigt Google, wie breit sich der eigene Vorteil ausspielen lässt, mit eigenen Chips, eigener Cloud und eigenen Endgeräten. Die Spanne reicht von Experimenten in Google Labs mit personalisierten Lernmaterialien über NotebookLM bis zum Abkommen, mit dem Apple ein Gemini-Modell einkauft, um eine schlauere Siri zu bauen.

Die Sprachassistenten und ihre zweite Chance

Apple und Amazon kommen schlecht weg. Siri mit angeflanschtem ChatGPT-Zugriff fühlt sich durch Latenz und den immergleichen Hinweissatz klobig an. Alexa bleibt bei zehn bis fünfzehn einfachen Sprachbefehlen am Tag: Wetter, Musik, Licht, und damit weit entfernt von einem Dialog.

Die Hoffnung ist trotzdem begründet. Sobald Standards wie MCP und Agent-to-Agent-Protokolle ausgereift sind und die Geräte zu Hause genug Rechenleistung für lokale Modelle haben, stehen die etablierten Anbieter besser da als jeder Herausforderer. Ihr Vorteil ist banal und schwer aufzuholen: Ihre Geräte stehen bereits im Wohnzimmer.

Was sich bei den Werkzeugen verschoben hat

Ein wiederkehrendes Ärgernis des Jahres sind Bedienexperimente rund um Reasoning-Anzeigen: mal wird das Nachdenken eingeblendet, mal versteckt, mal darf man zwischen Sofortantwort und Recherchemodus wählen. Auch zwei Antwortvarianten nebeneinander empfinden beide eher als Entscheidungsdruck denn als Komfort.

Bei den kreativen Werkzeugen hat sich dagegen über Nacht viel bewegt. Aus Gamma für Folien wurde durch Nano Banana eine Infografik- und Bildmaschine mit 4K-Ausgabe, und wer PowerPoint statt Google Slides braucht, schiebt das Ergebnis durch Manus.

Ein Beispiel aus der Schule zeigt die Reichweite: Fotografierte Mitschriften landen in NotebookLM, das daraus Infografiken, Erklärvideos, Quizfragen und Lernkarten für den nächsten Test baut.

Beim Programmieren verlief die Entwicklung von Lovable und Bubble über Replit bis zu Manus, das aus wenigen Eingaben Anwendungen mit Anmeldung, Datenbank und Datei-Upload erzeugt.

Fazit

Die nüchternste Aussage des Rückblicks betrifft nicht die Werkzeuge, sondern die Voraussetzung, sie zu nutzen. Wer 2025 das meiste herausholen wollte, brauchte weiterhin Herrschaftswissen: welches Abo, welches Werkzeug, welcher Ablauf gerade passt.

Genau das ist die eigentliche Einstiegshürde, und sie ist gestiegen statt gesunken. Die Werkzeuge sind besser geworden, die Landschaft unübersichtlicher.

Für die eigene Arbeit folgen daraus zwei Dinge. Pinnen Sie Modellversionen in allem, was zuverlässig laufen muss, und legen Sie Testfälle daneben. Und prüfen Sie, wie viel Ihrer Reichweite von Klicks aus der Suche abhängt, weil diese Quelle gerade versiegt.

Die große Delegation ganzer Ziele statt einzelner Prompts blieb ein Thema fürs Folgejahr.