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Folge 15 · Im Gespräch mit Dr. Martin Hofmann

Agent Factory und Expert in the Loop: Wie ein agentisches Unternehmen aussieht

Bei einem Schweizer Mobilfunk-Retailer sitzen Agenten mit eigenem Namen und eigener Personalnummer im Meeting. Dr. Martin Hofmann, neun Jahre Group-CIO bei Volkswagen, erklärt, was das strukturell bedeutet.

Von Mark Zimmermann · 28.11.2025 · 4 Minuten Lesezeit · Read in English

Dr. Martin Hofmann war neun Jahre Group-CIO bei Volkswagen, danach mehrere Jahre im Silicon Valley und zuletzt CTO beim E-Lkw-Start-up Volta Trucks. Er schreibt an einem Buch über das agentische Unternehmen.

Der Einstieg ist ein Bild, das hängen bleibt: Bei einem Schweizer Mobilfunk-Retailer sitzen in manchen Meetings Agenten mit eigenem Namen und eigener Personalnummer mit am virtuellen Tisch.

Die vier Stufen

Den Unterschied zwischen Chatbot und Agent macht Hofmann an einer Abfolge fest, die als Einordnungshilfe taugt.

Zuerst Data Analytics: Auswertung dessen, was vorliegt. Dann Machine Learning: Muster erkennen und vorhersagen. Dann der LLM-Chatbot: auf Fragen antworten. Und schließlich Agentic AI: über Schnittstellen wie MCP selbständig auf Daten zugreifen, Aufgaben ausführen und aus dem eigenen Verhalten lernen.

Der entscheidende Bruch mit der klassischen IT-Denke liegt nicht in der Technik, sondern in der Auftragserteilung.

Die Agent Factory

Hofmanns praktisches Konzept heißt Agent Factory: Mitarbeitende aus IT, Fachbereich und Personalwesen entwerfen in einem geschützten Übungsbereich ihre eigenen digitalen Kollegen, statt auf Beratungshäuser oder Systemintegratoren zu warten.

Der Ansatz löst ein Problem, das jede Automatisierungswelle hatte: Wer den Prozess kennt, kann ihn nicht bauen, und wer bauen kann, kennt den Prozess nicht. Bisher wurde diese Lücke durch Anforderungsdokumente überbrückt, mit bekanntem Ergebnis.

Voraussetzung ist ein geschützter Bereich. Ohne ihn entsteht dasselbe wie bei Excel-Makros: verteilte, ungeprüfte Automatisierung ohne Zuständigkeit.

Kontrolle, konkret

Kontrolle bleibt bei Hofmann kein Lippenbekenntnis, und die beiden Mittel sind benennbar.

Das Agentic Journal protokolliert jeden Prompt und jede Datenquelle. Das ist der Ersatz für die Nachvollziehbarkeit, die im klassischen Prozess durch Freigabestufen entstand. Ohne dieses Protokoll lässt sich im Nachhinein nicht sagen, warum ein Agent etwas getan hat.

Der Kill-Switch greift bei zu starker Abweichung vom definierten Ergebnis. Das setzt voraus, dass jemand vorher festgelegt hat, was zu starke Abweichung heißt. Auch das ist eine fachliche Aufgabe, keine technische.

Bemerkenswert ist Hofmanns Begriffskorrektur. „Human in the Loop“ hält er für den falschen Rahmen und prägt stattdessen Expert in the Loop: Der Mensch bewertet die Qualität der digitalen Mitarbeiter, statt sie zu überwachen.

Der Unterschied ist mehr als Wortkosmetik. Überwachung bedeutet, jeden Vorgang anzusehen, und das skaliert nicht. Qualitätsbewertung bedeutet, Stichproben und Muster zu beurteilen, und das ist genau die Tätigkeit, für die Fachleute ausgebildet sind. Es ist zugleich die Tätigkeit einer Führungskraft gegenüber Mitarbeitenden, was das Bild vom digitalen Kollegen konsequent zu Ende denkt.

Was das für Rollen bedeutet

Hofmanns Buch „The Agentic Enterprise“ mit einem Zwölf-Module-Framework richtet sich an CIO, CDO und CHRO. Dass die Personalleitung darin vorkommt, ist der aufschlussreichste Teil.

Wenn Agenten Personalnummern bekommen, in Meetings sitzen und Ergebnisse verantworten, sind sie kein IT-Thema mehr. Dann stellen sich Fragen nach Einarbeitung, Bewertung, Weiterentwicklung und Ausmusterung, und das sind Personalprozesse.

Fazit

Diese Folge liefert das brauchbarste Ordnungsmodell für die Frage, wie ein Unternehmen mit Agenten arbeitet.

Drei Punkte lassen sich unmittelbar prüfen. Geben Sie Ergebnisse vor oder Prozessschritte? Wenn Prozessschritte, nutzen Sie einen Agenten wie ein Skript und verschenken die Fähigkeit.

Existiert ein Protokoll, aus dem hervorgeht, welche Daten ein Agent gesehen und welche Anweisung er bekommen hat? Wenn nein, haben Sie die Kontrolle aufgegeben, die vorher im Prozess steckte.

Und wer bewertet die Qualität? Wenn die Antwort „alle schauen mit drauf“ lautet, schaut niemand.

Hofmanns Rat an die nächste Generation passt zum Rest: nicht Sozialwissenschaften, sondern Mathematik, weil Logik und Anpassungsfähigkeit die Kernkompetenzen bleiben, solange alle fünf Tage ein neues Modell erscheint.